Offener Brief an den Aufsichtsrat der documenta und Museum Fridericianum gGmbH

Sehr geehrter Aufsichtsratsvorsitzender, Herr Oberbürgermeister Christian Geselle, sehr geehrter Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, Herr Staatsminister Boris Rhein, sehr geehrte Damen und Herren Aufsichtsratsmitglieder,

viele Kasseler Kulturinstitutionen sind in großer Sorge um die Reputation der documenta als weltweit bedeutender Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Diese Sorge umfasst neben dem sich konkretisierenden finanziellen Ergebnis auch die Behandlung dieser Situation durch die verantwortlichen Gremien und die medial produzierte öffentliche Wahrnehmung.

Wir rufen alle Personen und Institutionen dazu auf, ihrer herausgehobenen Bedeutung für die documenta-Stadt Kassel und für die zeitgenössische Kunst dieser Welt gerecht zu werden. Die documenta 14 konnte in Athen und Kassel bei vielen Besucher*innen ein großes Interesse hervorrufen. Auch kritische Stimmen waren unüberhörbar – diese erreichten zum Ausstellungsende ihren Höhepunkt, als Interna aus dem Aufsichtsrat zur finanziellen Situation der documenta 14 bruchstückhaft an die Öffentlichkeit gelangten und noch vor dem Vorliegen von Berichten der Wirtschaftsprüfer in den Medien Schuldzuweisungen lanciert wurden.

Allein diese Situation war in Kassel misslich genug, und sie hat das Gesamtergebnis der documenta 14 erheblich beeinflusst. Noch dramatischer aber schätzen wir das nationale und internationale Echo ein, das die Bedeutung der documenta als einer der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt an ihrer derzeitigen finanziellen Lage bemisst und damit ihr Ansehen gefährdet. In dieser Situation haben die beiden Gesellschafter, die Stadt Kassel und das Land Hessen, durch eine Bürgschaft eine bemerkenswerte Zusicherung zur finanziellen Leistungsfähigkeit der documenta abgegeben. Das allerdings betrifft nur deren finanzielle Situation.

Darüber hinaus halten wir es für unverzichtbar, dem dramatischen Einbruch der Reputation der documenta als der international bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst entschieden entgegenzutreten. Wir begrüßen die Bemühungen, neben der Stadt Kassel und dem Land Hessen auch den Bund – vertreten durch die fachliche Expertise der Bundeskulturstiftung – als Gesellschafter zu gewinnen.

Da die Realisierung dieser begrüßenswerten Absicht aber möglicherweise längere Zeit in Anspruch nehmen wird, halten wir es für geboten, die documenta bereits jetzt wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Das ist zum einen eminent notwendig für die vielen, vielen Menschen, die für die documenta täglich kämpfen – aber auch nach außen auch als unüberhörbare Botschaft, dass die documenta sich auf eine anregende und aufregende Ausstellung 2022 mit weltweit relevanten künstlerischen, ästhetischen, ethnischen, sozialen, politischen und vielen anderen Fragestellungen vorbereitet.

Angesichts des engen Zeitplans für die Vorbereitung dieser weltweit beachteten Ausstellung halten wir es für dringend notwendig,

  • die documenta 2022 als gesichert auszurufen und einen konkreten Termin für deren Ausstellung festzulegen,
  • die Findungskommission zur Auswahl der zukünftigen Künstlerischen Leitung zu benennen,
  • einen Zeitplan für die Auswahl der zukünftigen Künstlerischen Leitung auszurufen,
  • das Management der documenta gGmbH für ihre Aufgabenerfüllung angemessen aus- zustatten, damit die documenta 2022 auf höchstem künstlerischen Niveau stattfinden und ihr weltweites Ansehen erhalten bleiben kann,
  • das Budget der documenta so zu bemessen, dass dessen Zielvorgaben nicht von permanent steigenden Besucherzahlen abhängig werden,
  • dem Aufsichtsrat der documenta gGmbH Strukturen zu geben, die der künstlerischen Seite mehr Gewicht zumessen und deren Spielräume sichert,
  • das Management der Geschäftsführung so auszustatten, dass sie ihre Aufgaben erfüllen kann.

Aus gegenwärtiger Sicht halten wir es für sinnvoll, die Geschäftsführerin der gGmbH mit der Vorbereitung der documenta 15 im Jahr 2022 zu beauftragen. Für die herausragende Bedeutung die documenta weltweit, aber natürlich auch in besonderem Maß für das Selbstverständnis der Stadt Kassel als documenta-Stadt ist es dringend geboten, dass alle Akteur*innen im Bereich der Kulturpolitik, der bürgerschaftlich engagierten Institutionen und auch die Protagonisten der Medien sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Erstunterzeichner*innen:

  • Prof. Joel Baumann
  • Dr. Friedrich Block
  • Thomas Bockelmann
  • documenta forum Kassel
  • Lutz Engelhardt
  • Gerold Eppler, Zentralinstitut Museum für Sepulkralkultur
  • Thomas Fröhlich
  • Miriam Henß, Tanzkompanie Henß&Kaiser / tanzen schräg
  • Elfriede Huber-Söllner, Kulturnetz
  • Susanne Jakubczyk
  • Dr. Monika Junker-John
  • Christine Knüppel, Kulturzentrum Schlachthof
  • Dr. Axel Knüppel
  • Marco Krummenacher, Kulturhaus Dock 4
  • Kunsttempel
  • Jutta Lange
  • Zaki Al-Maboren
  • Monika Molinski, Spielort e. V.
  • Carola Ruf
  • Volker Schäfer
  • Horst Schween
  • Martin Sonntag, Caricatura
  • Frank Thöner, Kulturbahnhof e.V.
  • Angelika Umbach
  • Eveline Valtink
  • Melanie Vogel, Warte für Kunst
  • Harry Völler
  • Gerhard Wissner, Kasseler Dokumentarfilm- und Video-Fest

Volker Schäfer, documenta forum, Stallupöner Str. 5, 34121 Kassel, vs1ks@aol.com

Foto: Mitglieder des Kuratoren-Teams  der d14  (Dieter Roelstraete, Hendrik Folkerts, Adam Szymczyk) zu Gast im documenta forum; Regina Oesterling

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