Das Symposium „Vor und nach Max Neuhaus — Klanginstallation und documenta“ fand in Kassel statt

Es wurde auf Einladung des documenta forums und des documenta archivs veranstaltet.

Was haben der Time Square in New York und das AOK-Gebäude in Kassel gemeinsam? Beide beherbergen eine Klanginstallation des amerikanischen Künstlers Max Neuhaus (1939-2009). Bereits um 1967 prägte er den Begriff „Sound-Installation“. Seine Arbeit „Three to one“ für die documenta 9, in Kassel im Treppenhaus eines Fünfzigerjahre-Baus dauerhaft verortet, war Ausgangspunkt des Symposiums „Vor und nach Max Neuhaus —Klanginstallationen und documenta“, das jetzt im Fridericianum stattgefunden hat. Die Sound-Kunst, ihrer Geschichte und Gegenwart auf der Kasseler Schau, stand im Zentrum des interdisziplinäre Symposium.

Die zweitägige Veranstaltung am Freitag, 28. November, und Samstag, 29. November, war der Beitrag der documenta forums zum 70. Geburtstags der documenta in diesem Jahr. Ideengeber Joshua Weitzel und das df-Vorstandsmitglied Horst Schween haben das Symposium initiiert. Konzipiert und wissenschaftlich begleitet hat es Joshua Weitzel gemeinsam mit der Direktorin des documenta archivs, Dr. Birgitta Coers.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Grußworte von Andreas Hoffmann, dem Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, von Martin Bach, dem Leiter des Kulturamts der Stadt Kasse, von Birgitta Coers für das documenta archiv sowie von Wilfried Sommer als Mitglied des Vorstands des documenta forums.

Für das documenta forum betonte Wilfried Sommer die enge Verbundenheit des Vereins mit der documenta seit mehr als 50 Jahren. „Es ist geteiltes Interesse, das uns in unterschiedlichen Funktionen in eine Richtung blicken lässt, es ist geteiltes Interesse, das dem Klang, dem Akkord oder auch der Dissonanz, ja, sogar dem Paukenschlag documenta einen Resonanzraum öffnet“, sagte er in Anlehnung an die Themensetzung des Symposiums.

Geplant ist die Herausgabe einer Dokumentation des Symposiums durch das documenta archiv.

Zeitreise der Soundkunst

In der Eröffnungsveranstaltung unternahmen der langjährige Direktor der Bremer Kunsthalle, Wulf Herzogenrath, und Stefan Fricke vom Hessischen Rundfunk eine musikalische Zeitreise der Sound-Kunst. Herzogenrath hatte in den Jahren 1977 und 1987 unter Manfred Schneckenburger die documenta Abteilungen für neue Medien verantwortet.

Die Exkursion durch die Klangkunst wurde am folgenden Tag mit fünf Vorträgen und zwei Gesprächsrunden fortgesetzt.

„Klang ist anders als Bild“

In seinem Vortrag „See you hear! Über das Hören in der (Klang)Kunst“ analysierte Peter Kiefer (Mainz) deren Raumaspekte. „Klang ist anders als Bild“, betonte er. Er bezog sich auf Klangkunst als Installation mit und im Raum, Klangkunst im öffentlichen Raum, Installationen an bestimmten, einmaligen Orten wie auch auf Klangkunst im virtuellen Raum. „Klangräume“, so Kiefer, „sind immer auch soziale Räume“.

Joshua Weitzel beschäftigte sich in seiner Präsentation „Klanginstallationen und documenta — ein Überblick“ mit der Geschichte der documenta. Sie habe von Beginn an Musik und Klang thematisiert, der Diskurs um Klangkunst und Klanginstallationen sei aber vor allem in der 1990er und 2000er Jahren entstanden. Die documenta 8 (1987) habe erstmals einen ausdrücklichen Fokus auf Klang gelegt und stelle die vielleicht wichtigste übersehene „Klangkunst-Ausstellung“ der 1980 Jahre mit Werken von John Cage, Rolf Julius, Ulrich Eller und Stephan von Huene dar. Von Bedeutung seien in diesem Zusammenhang aber auch die documenta-Ausstellungen 6, 13 und 14.

Über den akustischer Zugang zu den Zusammenhängen der Welt und seine Skepsis gegenüber dem Begriff „Hören“ referierte Christian Grüny (Stuttgart) in seinem „Klang—Umwelt—Musik: Weisen des Hörens“ überschriebenen Vortrag. Erschließt die Welt das Hören oder erschließt das Hören die Welt? Dazu erörterte er Denkmodelle von Johann Gottfried Herder aus dem 18. Jahrhundert sowie von Joachim-Ernst Berendt, Bernie Krause, Les Back, Karlheinz Stockhausen, John Cage, R. Murray Schafer, Helmut Lachenmann und Max Neuhaus aus den vergangen Jahrzehnten seit 1954.

Intensiv beschäftigt hat sich Sabine Breitsameter (Darmstadt) mit dem Künstler Max Neuhaus in den Jahren 1992 bis 1997. In ihrer Zusammenfassung “Von Listen zu Auracle. Der Medienkünstler May Neuhaus und seine Konfiguration des Hörens“ stellte sie fest, wie kaum ein anderer Künstler habe er es verstanden, neue ästhetische Erlebnisformen hervorzubringen. Der von ihm geprägten Begriff „Sound Installation“ beziehe sich explizit auf die Plastischen Künste. Das Ziel seiner Kunst sei die Reflexion der akustischen Umgebung, seinen Orten habe er keine neuen Klänge hinzufügen wollen.

Respekt vor dem Werk

Wolfram Spyra (Frankfurt/Oder) ging auf die technischen Aspekte der Restaurierung von Klanginstallationen ein, explizit auf „Three to one“, für dessen Wiederinstandsetzung er beauftragt worden war. Zentral, so Spyra, sei die Fragestellung, ob und in welcher Form die ursprüngliche Technik beibehalten werden könne, wo der Ersatz analoger durch digitale Techniken erlaubt sei. Mitunter seien alte Geräte nicht mehr verfügbar; im Raum stünden immer die Ethik der Restaurierung und Fragen der Authentizität.

Brigitta Coers schloss sich dieser Fragestellung im Gespräch mit Wolfram Spyra und Kazusa Haii (Hamburg) mit dem Titel „Klangkunst im Archiv. Vom Sammeln und Sichern des Immateriellen“ an. Festzuhalten sei, dass die Restaurierung von Klangkunstwerken bisher kaum gelehrt werde. „Dinge haben ihre Zeit, man muss auch deren Vergänglichkeit hinnehmen“, sagte sie zum Aspekt der Nachhaltigkeit. In Werkzyklen der Restaurierung denke man bei Klangtechnik im Schnitt an dreißig Jahre. Als Forschungsgegenstand sei das Thema Klanginstallationen und Nachhaltigkeit in seiner Komplexität im documenta archiv bisher nicht stark bearbeitet worden. Das Symposium habe dafür nun den Blick geschärft.

Kuratorische Überlegungen

Julia Schröder (Berlin) sprach zum Themenkomplex „Kuratorische Klangkunst — Konzept und Vernetzung“. Als ein Beispiel dafür, Musik anderer ins Museum zu bringen, stellte sie die 24-Kanal Sound Installation „Part File Score. Zwölf Arten Hanns Eisler zu beschreiben“ von Susan Philipsz vor. Sie war 2014 im Hamburger Bahnhof – National der Gegenwart in Berlin zu sehen. Im Rahmen der documenta 13 war die Künstlerin mit der Sound Installlation „Study for Strings“ vertreten.

Im abschließenden Podium „Klanginstallation im kuratorischen Diskurs zwischen Musik und Ausstellungswesen“ führte Joshua Weitzel ein Gespräch mit Moritz Wesseler, dem Direktor des Fridericianums. Kuratorisch stelle sich die Frage nach den Strategien, mit Klang umzugehen. In Erinnerung gerufen wurde unter anderem die Soundinstallation „Waters Witness“ von Tarek Atoui, die von Oktober Jahr 2020 bis Mai 2021 unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie im Fridericianum zu sehen und zu hören war. In der Arbeit des in Beirut geborgenen Atoui, der ebenso auf der documenta 13 vertreten war, werden Tonaufnahmen mit ortsüblichen Materialien zu einer Einheit verbunden.

Eine weitere Klanginstallation, so war aus dem Gespräch zu erfahren, ist dauerhaft, doch unauffällig im Fridericianum vorhanden. Der Künstler und Musiker Kai Althoff hat dem Haus — nicht ohne Ironie— eine speziell für das Fridericianum geschaffenes Werk überlassen. Der Ort, an dem es installiert ist: Die Toilette im Untergeschoss des Gebäudes.

Petra Bohnenkamp