Historische Farbaufnahmen aus dem Nachlass von Dieter Rudolph.

Ein Schatz in Zigarrenkisten – Rückblick auf den Jour fixe am 14. September 2026

Im Herbst 2025 trafen unangekündigt mehrere wohlverpackte Zigarrenkisten mit Aufschriften wie „Tropenzierde“ und „Brzezina Kassel“ bei unserem Mitglied Peter Gratzer in Harleshausen ein. Der Inhalt: rund 1.100 gerahmte Dias mit Ansichten der documenta-Ausstellungen 1 bis 5.

Der Fotograf war Dieter Rudolph (1930–2001), der als Schüler und Assistent von Arnold Bode während der ersten documenta 1955 zahlreiche Fotos sowohl vom Aufbau der Ausstellung als auch von der fertigen Präsentation aufnehmen konnte.

Unter wesentlicher Vermittlung des documenta forums und mit Unterstützung von Sponsoren wurde die Übernahme dieses wertvollen fotografischen Nachlasses durch das documenta archiv ermöglicht. Dort werden die fotografischen Dokumente nun in einem langjährigen Prozess restauriert, digitalisiert und erforscht.

Der Jour fixe des documenta forums im September widmete sich ganz der außergewöhnlichen Geschichte der Entdeckung und Sicherung dieses zeithistorischen Schatzes. Peter Gratzer, seinerseits ehemaliger Schüler Rudolphs, führte kenntnisreich durch den Abend.

Rudolph war nach seinem Studienabschluss als Kunstlehrer an der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule tätig und 1972 Mitbegründer des documenta forums. Nach dem engen Arbeitsverhältnis in den frühen Jahren blieben Arnold Bode und der dreißig Jahre jüngere Rudolph auch später verbunden. Zahlreiche Briefe zeugen von ihrem lebenslangen Austausch.

Im Ruhestand hatte sich Rudolph gemeinsam mit seiner Frau Renate in den kleinen Ort Vesc südlich von Lyon in Frankreich zurückgezogen, wo er vorrangig malte. Die Dias der frühen documenta-Ausstellungen lagerten indes im Keller ihres Domizils, einem ehemaligen Bauernhof. 2001 verstarb Rudolph im Alter von 70 Jahren.

Peter Gratzer nahm während einer Urlaubsreise Kontakt zur weiterhin in Südfrankreich lebenden Witwe auf. Hellhörig wurde er, als sie erzählte, dass sich unter dem großen Konvolut an Fotos auch Farbaufnahmen der ersten documenta befänden, von der bis zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen bekannt und veröffentlicht waren. Zahlreiche Gespräche führten letztlich dazu, dass die kostbaren Farbaufnahmen der ersten documenta zurück nach Kassel kamen und für die Nachwelt gesichert werden konnten.

Das Material ist trotz der langen Lagerzeit unter nicht optimalen Bedingungen in einem guten Zustand, was auch den verwendeten Filmen der Marke Agfacolor UT 16 zu verdanken ist.

Die Qualität und Aussagekraft der Aufnahmen machte eine kleine Diashow deutlich, die für die Gäste des Jour fixe zu einer plastischen Zeitreise zurück zu den Anfängen der heute globalen Schau wurde. Dr. Birgitta Coers, die Leiterin des documenta archivs, betonte, wie wertvoll die Farbfotos mit ihren bisher nicht gesehenen Einblicken in die Arbeitsweise beim Aufbau der ersten documenta-Ausstellung, die Raumsituation, die Details der Ausstellungsarchitektur sowie die Textur der Materialien sind.

Besonders intensiv wurde der Jour fixe, als sich eine anwesende Zeitzeugin, die Kasseler Galeristin Karin Melchior, zu Wort meldete. Die Farbaufnahmen hatten sie unmittelbar ins Jahr 1955 zurückversetzt, als sie bei vielen Besuchen der documenta 1 die Kunst für sich und ihr Leben entdeckte.

Petra Bohnenkamp, 18. September 2026

Fotos: Hans-Joachim Haas