„Das ist keine Kirche“ – in 12 entweihten Nachkriegskirchen des Ruhrgebiets findet derzeit die Manifesta 16 Ruhr statt. Axel Knüppel, Vorstandsmitglied des documenta forum, organisierte mit sehr großem Engagement die rundum gelungene Fahrt ins Ruhrgebiet, bei der zwei der Ausstellungskirchen, St. Gertrud in Essen und Christ König in Bochum, besucht wurden.
Die 14 Teilnehmenden trafen sich kurz vor 8 Uhr am Bahnhof Wilhelmshöhe. Sowohl die Deutsche Bahn als auch das Wetter spielten mit – beste Voraussetzungen für einen gelungenen Ausflug.
Erste Station war Essen. Dort startete der Tag mit einer 90-minütigen Führung durch die ehemalige katholische St.-Gertrud-Kirche. Der langjährige Leiter des Fridericianum, René Block, präsentiert dort gemeinsam mit seiner jungen Kollegin Leonie Herweg Arbeiten von zehn Künstler unter dem Titel „Exercise in Respect“.
Bereits vor dem Eingangsbereich befindet sich die Skulptur „Security Tree“ von Halil Altındere. Das Werk aus verzinktem Eisen erinnert an einen Baum, dessen Äste jedoch mit zahlreichen Überwachungskameras bestückt sind.
Im ersten Obergeschoss setzt sich Donja Nasseri in ihrer skulpturalen Installation „Mad Dogs“, bestehend aus drei großen hölzernen Halbkugeln, mit kolonialen Fantasien des Entdeckens, des Handels und der Ausbeutung von Ressourcen auseinander.
Hatte Ayşe Erkmen bei der Skulptur Projekte Münster die Menschen bereits über das Wasser gehen lassen, gelingt es ihr hier, etliche Mitglieder des documenta forums dazu zu bewegen, teilweise zum ersten Mal einen Beichtstuhl zu betreten. In ihrem Werk „Confessional“ interpretiert sie diesen neu: Die Beichtenden kommunizieren nicht mit einem menschlichen Gegenüber, sondern mit einem technischen System – und das Gesagte wird für alle lesbar.
Sehr eindrucksvoll wirkt das erhaltene Mosaik hinter dem Chorraum. Im Bodenbereich ist darin das griechische Wort „Agape“ zu lesen. Es korrespondiert auf besondere Weise mit der gleichnamigen Lichtinstallation von Šejla Kamerić. Davor verwandelt Nasan Tur die ehemaligen Kirchenbänke in eine großformatige Installation, indem er sie senkrecht aufstellt – sogar auf dem ehemaligen Altar.
Kurz vor dem Ausgang begegnet den Besucher „Fever“, eine Installation von Pravdoliub Ivanov, die eigens für die blaue Kapelle geschaffen wurde. Die angezeigte Temperatur von 37,6 Grad lässt Raum für Interpretationen: leichtes Fieber – oder bereits auf dem Weg der Besserung?
Vor der Führung durch die Bochumer „Kunstkirche Christ König“ stärkten wir uns im liebevoll mit alten Möbeln eingerichteten Café SamSam. Auf dem Tisch standen unter anderem marokkanischer Rainbow-Hummus sowie Schafskäse mit Dattelsoße und Sesampaste.
In der Kunstkirche zeigen 15 Künstler Arbeiten zu „Geschichten, die in das Gebäude und die weitere Region eingeschrieben sind“. Sie beschäftigen sich mit Fragen von Erinnerung, Mittäter und Auslöschung.
Bereits vor dem Eintritt in die 1932 wieder aufgebaute Kirche konfrontieren die Kurator Anda Rottenberg und Krzysztof die Besucher mit einer menschenähnlichen Skulptur: einer sitzenden Madonna ohne Kind, deren Körper aus einem mit Kohle gefüllten Stahlgerüst besteht.
Geradezu magisch anziehend wirkt die Mixed-Media-Installation „When Animals Fall from the Sky“ im Hauptschiff. Der Kirchenboden ist mit verschiedenen Tierkörpern bedeckt. Es heißt, Kinder besuchten die Installation regelmäßig und kümmerten sich um die Tiere. Assoziationen zu den im Bergbau als Warnsignal eingesetzten Kanarienvögeln drängen sich dabei unmittelbar auf.
Im Ausgangsbereich der Kirche befindet sich „Confessional of the Unnamed“ von Bérénice Gaça Courtin. Die Arbeit besteht aus einem Jacquard-Wandteppich von vier mal fünf Metern. Darin überträgt die Künstlerin die Logik der Enigma-Verschlüsselungsmaschine auf den Webstuhl – mit einem biografischen Bezug zu ihrem Großvater, einem polnischen Kryptologen.
Den Altarraum bespielt die bereits von der documenta fifteen bekannte Małgorzata Mirga-Tas. Sie präsentiert Bärenskulpturen aus Wachs und Ruß sowie wächserne Köpfe und menschliche Körper an den Wänden. Mit der Installation setzt sich die polnische Künstlerin mit der Geschichte der Roma, ihrer Kultur sowie mit Diskriminierung und Verfolgung auseinander.
Luc Tuymans, Teilnehmer der documenta 11, zeigt entlang der gesamten Längsseite der Kirche bedruckte Vorhänge mit Bildern aus dem deutschen NS-Propagandafilm „Triumph des Willens“ von 1935. Die Aufnahmen wurden remastert und koloriert, sodass die ursprünglich roten Fahnen nun blau erscheinen. Eine Arbeit, die für reichlich Gesprächsstoff sorgte.
Überhaupt wirkten die einzelnen Beiträge in dieser Kirche erstaunlich geschlossen – fast wie ein Gesamtkunstwerk. Ein sehr überzeugender Ausstellungsort.
Viel zu früh musste schließlich die Heimreise angetreten werden. Alle Teilnehmenden dankten Axel Knüppel noch einmal herzlich für die hervorragende Organisation der Fahrt.
Jaqueline Greinert
















