27. November 2022

Das Prinzip der Freiheit der Künstlerischen Leitung muss erhalten bleiben

Statement des documenta forums zum Ende der documenta fifteen

Die documenta fifteen ist zu Ende gegangen. Wir – die Mitglieder des vor 50 Jahren von Arnold Bode gegründeten documenta forums – danken der Künstlerischen Leitung Ruangrupa, dem Lumbung-Netzwerk und allen Mitwirkenden für die Realisierung der documenta fifteen, die unter extrem angespannten Bedingungen einer weltweiten Pandemie vorbereitet und durchgeführt wurde. Wir danken dem Kuraturenteam für viele anregende, nachdenkliche, kommunikative und poetische Werke, die wir sehen durften.

Die d 15 hat die unverstellte Perspektive von Künstlerinnen und Künstlern aus Ländern des sogenannten globalen Südens gezeigt, deren Arbeitsprinzip das der kollektiven Praktiken ist. Das war ein wichtiges Kriterium der Auswahl für die Findungskommission wie auch für den documenta Aufsichtsrat, der das Künstlerkollektiv aus Indonesien für die Leitung der d 15 berief.

Dennoch hat die Kritik an den Themen und an der Art der Durchführung der d 15 zu Ankündigungen und bereits kursierenden Vorschläge für tiefgreifende strukturelle Veränderungen der documenta geführt. Das documenta forum appelliert an die Gesellschafter und Trägerinstitutionen der documenta, an den Prinzipien der weltweit einzigartigen Ausstellung zeitgenössischer Kunst festzuhalten: der Zusammenstellung einer international hochrangigen Findungskommission sowie der alleinigen Verantwortlichkeit der ausgewählten Künstlerischen Leitungen für die Ausstellung. Nur mit diesen Alleinstellungsmerkmalen kann die documenta als Kulturinstitution mit internationaler Strahlkraft weiterleben und alle fünf Jahre in einen neuen Diskurs über zeitgenössische Kunst eintreten.

Eingriffe in die Struktur der documenta könnten zudem durch ihre exemplarische Wirkung zu einem tiefen Einschnitt für die Freiheit der Kunst in Deutschland führen.

Das offene kuratorische Konzept hat zu Diskussionen geführt — bessere Kommunikation ist zukünftig notwendig

Mit der Abkehr von der individuellen Autorenschaft, von der Verwertbarkeit von Werken sowie mit Inhalten, die nicht die Exotik des Fremden, sondern dessen Geschichte, Lebenswirklichkeiten, Bedrohungen und Möglichkeiten in den Vordergrund stellen, war die documenta fifteen eine neue Erfahrung. Sie wurde von den Besucher*innen nach unserer Wahrnehmung überwiegend positiv aufgenommen, weil sie unbekannte Perspektiven zugänglich gemacht hat.

Das offene kuratorische Konzept hat jedoch auch zu einer extrem aufgeladenen und mit Härte geführten Debatte über Antisemitismus, Israelfeindlichkeit und Rassismus geführt, die zum Teil die Verhältnismäßigkeit zu den auslösenden Anlässen hat vermissen lassen.

Wir bedauern dies zutiefst, verkennen aber nicht die Bedeutung, die die Diskussionen über antisemitische Bildinhalte und als problematisch eingestufte Werke sowie über Rassismus hat. Die Mitglieder des documenta forums stellen in diesem Zusammenhang klar, dass Antisemitismus und Rassismus nicht zu dulden sind, unabhängig davon, in welchem kulturellen Kontext sie auftreten.

Deutschland ist das Land, in dem der nationalsozialistische Völkermord an den Juden Europas stattgefunden hat. Es wird daher zukünftig eine Aufgabe der Verantwortlichen der documenta gGmbH sein, den Kurator*innen historisches Wissen und Kenntnisse über aktuelle Konflikte zur Verfügung zu stellen. Zudem ist es erforderlich, deutlich mehr Gewicht auf eine transparente, professionelle innere und äußere Kommunikation zu legen, um vermeidbare Missverständnisse und Fehlinterpretationen auszuschließen.

Die 16. documenta wird vom 12. Juni bis 19. September 2027 stattfinden. Kassel ist bereit, wir als documenta forum sind bereit, Besucher*innen aus aller Welt wieder bei uns willkommen zu heißen!