Eröffnung der virtuellen Platform6 zu Ehren Okwui Enwezors

Okwui Enwezor © documenta archiv / Dieter Schwerdtle

documenta archiv eröffnet am 29. April 2021 die virtuelle Platform6 zu Ehren von Okwui Enwezor. Das dynamisch wachsende Online-​Projekt soll ein Ort der lebendigen Debatte über die Documenta11 und die Aktualität ihrer Diskurse sein. 

Ab dem 29. April ist unter documenta-​platform6.de die virtuelle Platform6 der Documenta11 freigeschaltet. Als offenes, wachsendes Projekt geht die Web-​Plattform der 2002 von Okwui Enwezor kuratierten Ausstellung und der aktuellen Relevanz damaliger Fragestellungen nach. Im Fokus stehen Wahrheitsdiskurse, Globalisierungsfragen, Formen von Kollektivität und Solidarität. Platform6 versteht sich als Hommage an den am 15. März 2019 in München verstorbenen Okwui Enwezor, seine theoretischen Ansätze und sein kuratorisches Vermächtnis. Die Plattform versammelt historische Materialien aus dem documenta archiv: Katalogbeiträge, Texte, Videos und Fotos. Hinzu kommen neue Beiträge von Kurator*innen, Künstler*innen und Wegbegleiter*innen Enwezors, etwa Thomas Hirschhorn, Alfredo Jaar, Isaac Julien, Geeta Kapur, Wilfried Kuehn, Sarat Maharaj, Mark Nash, Monica Narula, Annie Paul, Yinka Shonibare, Terry Smith, Stephanie von Spreter und Vivan Sundaram. Künstler*innen, Kunsthistoriker*innen und ehemalige Kolleg*innen Okwui Enwezors sowie die breite Öffentlichkeit sind dazu eingeladen, Materialien zur Veröffentlichung auf der Website einzureichen. Mit dem freien Zugang zu den Plattformtexten aus den Jahren 2001/02 stellt sich das documenta archiv darüber hinaus erstmals den Anforderungen einer zeitgemäßen Open Access Policy.

Platform6: nach einer Idee von Okwui Enwezor 

Die virtuelle Platform6 greift die Idee der anlässlich der Documenta11 von Okwui Enwezor und seinem kuratorischen Team initiierten internationalen Diskussions-​plattformen auf. Vier hatten sie im Vorfeld der Ausstellung an verschiedenen Orten zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Themen organisiert: Demokratie als unvollendeter Prozess in Wien im März/April 2001; Experiment mit der Wahrheit: Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung in Neu-​Delhi im Mai 2001; Creolité und Kreolisierung in St. Lucia im Januar 2002; Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte. Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos in Lagos im Mai 2002. Die Documenta11 in Kassel von Juni bis September 2002 fungierte schließlich als fünfte Plattform. Sie öffnete sich in besonderer Weise für globale Themen und gilt als erste derartige Ausstellung, die dezidiert außereuropäische und postkoloniale Perspektiven in den Blick nahm. Okwui Enwezor kann als Initiator und Botschafter dieser Internationalisierung angesehen werden.

Ort der Selbstreflexion, Analyse und Rückblick

Bereits 2011 nahmen Enwezors Ko-​Kurator*innen Ute Meta Bauer und Mark Nash sowie Projektmanagerin Angelika Nollert eine mögliche 6. Plattform als einen Ort der Selbstreflexion, Analyse und Rückblick auf die Ausstellung in den Blick. Okwui Enwezor selbst kam vor seinem frühen Tod mit diesem Gedanken nach Kassel zurück. „Wir haben – zusammen mit ruangrupa, der Künstlerischen Leitung der für 2022 geplanten documenta fifteen, – seine Idee begeistert aufgenommen. Mit der Platform6 möchten wir nicht nur sein Wirken posthum ehren, sondern ein lebendiges Forum des Austauschs zu seinen Ansätzen schaffen. Gerade im Hinblick auf die documenta fifteen ergeben sich interessante Anknüpfungspunkte, aber auch Unterschiede in Bezug auf Themen wie Globalität, Kollektivität und Partizipation“, so Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH.

„Das Motto der 6. Plattform sollte ein ‚reculer pour mieux sauter‘ sein, zurückblicken, um nach vorne zu schauen. Wir nutzen das Ereignis dazu, die für unsere Praxis dringendsten Fragen neu zu formulieren, so wie die Documenta11 es uns ermöglicht hatte, unser politisches, kulturelles und ästhetisches Engagement neu zu überdenken“, so Mark Nash, Ko-​Kurator Enwezors bei der Documenta11 und Mit-​Initiator der Platform6.

Grundlage sind die Bestände des documenta archivs 

„Die Grundlage der virtuellen Plattform bilden die Bestände des documenta archivs zur Documenta11 mit ihren fünf Plattformen. Diese aufzubereiten, im Web zugänglich zu machen und um Beiträge in unterschiedlichsten Formaten zu ergänzen, war eine wunderbare Aufgabe für alle Beteiligten. Ab 29. April 2021 sind Interessierte aus aller Welt eingeladen, den laufenden Diskussionsprozess und die Ergebnisse virtuell zu verfolgen und daran teilzuhaben“, sagt Martin Groh, wissenschaftlicher Mitarbeiter des documenta archivs, Projektkoordinator der Platform6.

Dr. Birgitta Coers, Direktorin des documenta archivs: „Das Projekt hat internationale Akteur*innen zusammengeführt und darf als gelungenes Beispiel für die fruchtbare, intellektuell bereichernde Zusammenarbeit zwischen ehemaligen Kurator*innen, dem Artistic Team der documenta fifteen und dem documenta archiv gelten. Der diskursiven Offenheit von Enwezors Konzept antwortet das Archiv mit einer neuen Politik des Open Access, da neben den aktuellen Beiträgen auch die damaligen Plattformtexte frei zugänglich sind.

Okwui Enwezor (* 3. Oktober 1963 in Calabar, Nigeria; † 15. März 2019 in München) war Künstlerischer Leiter der Documenta11, Kurator, Autor, Kunstkritiker und Dozent. Ausgewählte kuratorische Tätigkeiten sind: 2. Johannesburg Biennale (1997); Documenta11, Kassel (2002); 2. Biennale Sevilla (2006); 7. Gwangju Biennale (2008); 56. Biennale von Venedig (2015); Leiter Haus der Kunst, München (2011–2018)

www.documenta-​platform6.de