Vincent Fecteau im Fridericianum

Wiederöffnung des Fridericianum und Beginn der Ausstellung Vincent Fecteau
Eröffnung: Donnerstag, 3. Juni 2021, 11 – 20 Uhr
Fridericianum, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel

Pressegespräch:

Wir freuen uns sehr, dass das Fridericianum am Donnerstag, den 3. Juni 2021 mit der neuen Ausstellung Vincent Fecteau wieder für den Publikumsverkehr öffnen kann. In diesem Zusammenhang laden wir Sie zu einem individuellen Presserundgang durch die retrospektiv angelegte Schau des international gefeierten Künstlers ein. Als Gesprächspartner steht Moritz Wesseler, Direktor des Fridericianum, zur Verfügung. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Fecteau im Rahmen eines digitalen Dialoges Fragen zu stellen. Für beide Formate erfolgt die Terminvergabe auf Anfrage unter press@fridericianum.org.

Aus einfachen, teilweise alltäglichen Materialien wie Zeitungsschnipseln, Pappmaschee, Schaumstoff, Korken, Eisstielen oder Muscheln fertigt Vincent Fecteau seit den frühen 1990er Jahren Skulpturen und Collagen, die sich durch mannigfaltige Erscheinungsformen auszeichnen. Manche seiner Arbeiten sind kleinteilig, geradlinig, monochrom oder abstrakt, andere wiederum ausladend, verschlungen, farbenfroh oder erzählerisch. Sie sind das Resultat eines längeren, intensiven Schaffensprozesses, an dessen Anfang die Auswahl und Zusammenführung von Materialien stehen. Ihnen folgt die kontinuierliche und behutsame Bearbeitung der Werkstoffe, bis sich der facettenreiche Charakter des jeweiligen Objektes artikuliert. Häufig sind hier die Beschaffenheit der gewählten Medien und die manuelle Herstellung sichtbar.

Im Zuge der Fertigung unterwirft sich Fecteau keinem konzeptuellen Rahmen. Sein Handeln wird von intuitiven Reaktionen auf die verschiedenen Arbeitsmittel geleitet. Die Ergebnisse dieser Vorgehensweise sind oftmals nur schwer mit Worten zu beschreiben. Was auf den ersten Blick klar fassbar erscheint, widersetzt sich bei näherer Betrachtung einer Zuordnung. Dieser Umstand hat Anteil an der Rätselhaftigkeit der Formulierungen und verleitet dazu, sich auf die vielfältigen Assoziationen einzulassen, die die Skulpturen und Collagen des Künstlers mit sich bringen. Die Objekte rufen Bilder von modellartigen Architekturen, Bühnen und Schaukästen, aber auch von Körpern, Gliedmaßen und Organen ins Bewusstsein. Jedoch sind diese gedanklichen Verknüpfungen und Vorstellungen sehr schemenhaft und lösen sich zumeist nach kurzer Zeit in Abstraktionen auf. Trotz der Uneindeutigkeiten lassen die Arbeiten immer wieder Bezugnahmen auf die Formensprachen und Ansätze historischer Strömungen erkennen. So sind Verweise auf die Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts genauso auszumachen wie auf die Nachkriegskunst oder die Postmoderne.

Zu keinem Zeitpunkt drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass Fecteau in Erinnerungen schwelgt. Ganz im Gegenteil. Die Werke lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie Teil ihrer Zeit sind. Dies kann sowohl an ihren formalen Eigenschaften als auch an der sich in ihnen oftmals manifestierenden Auseinandersetzung mit queeren Identitäts-, Lebens- und Kulturformen nachvollzogen werden. Dabei ist Fecteaus Beschäftigung mit Werten, Vorstellungen und Sichtweisen, die jenseits heteronormativer Weltanschauungen zu verorten sind, von den persönlichen Erfahrungen der AIDS-Krise der 1980er und 1990er Jahre sowie dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel geprägt. Die Bedeutung seiner Werke für den gegenwärtigen Kunstdiskurs resultiert somit nicht allein aus ihrer kompositorischen Raffinesse, der feinen Poesie und dem ausgeprägten Eigensinn, sondern ebenso aus ihrem gesellschaftspolitischen Anspruch und ihrer empathischen Grundhaltung.

Vincent Fecteau wurde 1969 in Islip, New York, geboren und lebt heute in San Francisco. Von 1987 bis 1992 studierte er an Wesleyan University in Middletown, Connecticut. Bereits 1993 beteiligte er sich an Gruppenausstellungen, an die sich 1994 seine erste Einzelpräsentation in der Kiki Gallery in San Francisco anschloss. Die Schau The Scene of a Crime im Hammer Museum in Los Angeles markierte 1997 den Auftakt für die Rezeption seines Schaffens in einem musealen Kontext. Für erste internationale Aufmerksamkeit sorgte im Folgenden seine Teilnahme an der Whitney Biennial 2002, auf die fokussierte Präsentationen im Van Abbemuseum in Eindhoven 2004, im Art Institute of Chicago 2008, im Inverleith House in Edinburgh 2010, in der Kunsthalle Basel 2015, in der Wiener Secession 2016 sowie im CAA Wattis Institute for Contemporary Arts in San Francisco 2019 folgten. In Deutschland stand eine institutionelle Würdigung von Fecteaus künstlerischem Schaffen bislang aus. Die Ausstellung im Fridericianum soll genau dies nachholen. Anhand von mehr als sechzig ausgewählten, zwischen 1993 und 2020 entstandenen Arbeiten wird die Schau einen umfassenden Überblick über das Gesamtwerk von Fecteau vermitteln.

Die Pressevorbesichtigung findet unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen statt.

Bild: Installationsansicht / Installation view, Fridericianum, 2021 © Vincent Fecteau, documenta und Museum Fridericianum gGmbH, Andrea Rossetti (photos)