5. Oktober 2022

Online-Gesprächsreihe „We need to talk!“ am 8., 15. und 22. Mai 2022

[pressemelung documenta fifteen]

We need to talk! Art – Freedom – Solidarity

Unter dem Titel We need to talk! Art – Freedom – Solidarity plant die documenta mit dem documenta archiv eine Gesprächsreihe, bei der im Vorfeld der documenta fifteen (18. Juni bis 25. September 2022) in drei Gesprächsforen die Rolle von Kunst und Kunstfreiheit angesichts von wachsendem Antisemitismus, Rassismus und zunehmender Islamophobie diskutiert werden soll.

Ziel ist es, den Auseinandersetzungen zu diesem komplexen Thema in Kunst und Kultur aus nationaler und internationaler Perspektive Raum zu geben. Dabei soll es um die besondere historische Verantwortung Deutschlands gehen, der Blick aber auch auf Formen der Ausblendung – blank spots – im Kontext der deutschen Antisemitismus- und Rassismus-Debatte gelenkt werden.

Die Veranstaltungsreihe versammelt Gesprächspartner*innen und Beitragende aus Kunst, Politik, Forschung und Wissenschaft.

Teilnehmende sind Schirin Amir-Moazami, Omri Boehm, Marina Chernivsky, Manuela Consonni, Nikita Dhawan, Diedrich Diederichsen, Sultan Doughan, Sarah El Bulbeisi, Anselm Franke, Raphael Gross, Teresa Koloma Beck, Meron Mendel, Ben Miller, Nicolas Siepen, Cihan Sinanoğlu, Hito Steyerl, Natan Sznaider, Hannah Tzuberi, Mezna Qato und Eyal Weizman.

Geplant ist die Reihe als digitale Veranstaltung in deutscher und englischer Sprache mit Simultanübersetzung. Sie findet jeweils sonntags am 8., 15. und 22. Mai 2022 von 14 bis 17 Uhr statt.

We need to talk!
Blank spots 1: Antisemitismus und Rassismus in Deutschland heute

Sonntag, 8. Mai 2022, 14–17 Uhr (MESZ)

Das Gespräch geht der Frage nach, inwiefern deutsches und internationales Antisemitismus- und Rassismus-Verständnis divergieren. In Deutschland hat sich im Bewusstsein seiner historischen Verantwortung eine besonders sensibilisierte diskursive Kultur entwickelt. In dieser wird die Kritik am Handeln des israelischen Staates anders wahrgenommen als beispielsweise in den Staaten des Globalen Südens. Auf welche Weise können internationale Kultureinrichtungen in Deutschland diese beiden Perspektiven zusammenbringen und mit Künstler*innen und Zivilgesellschaft einen produktiven Gesprächsprozess gestalten?

Zur Einführung: Eröffnungsrede „100 Tage – 100 Gäste“, Edward Said im Gespräch mit Catherine David (documenta 10, 1997)

  • Sprecher*innen: Diedrich Diederichsen und Hito Steyerl
  • Panel: Marina Chernivsky, Raphael Gross, Teresa Koloma Beck und Ben Miller
  • Host: Anselm Franke
  • Sprache: In deutscher Sprache mit Simultanübersetzung ins Englische und in Deutsche Gebärdensprache

We need to talk!
Blank spots 2: Zur Rolle von Antisemitismus und Anti-Antisemitismus im postkolonialen Diskurs

Sonntag, 15. Mai 2022, 14–17 Uhr (MESZ)

In diesem Gespräch werden Potenziale und Leerstellen von postkolonialen Ansätzen thematisiert. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob und in welcher Form die postkoloniale Perspektive die Spezifik der Shoah und des Antisemitismus ausblendet oder gar verkennt.

  • Sprecher: Meron Mendel und Eyal Weizman
  • Panel: Omri Boehm, Manuela Consonni, Nikita Dhawan und Natan Sznaider
  • Host: Hannah Tzuberi
  • Sprache: In englischer Sprache mit Simultanübersetzung ins Deutsche und International Sign

We need to talk!
Blank spots 3: Was ist anti-muslimischer und anti-palästinensischer Rassismus?

Sonntag, 22. Mai 2022, 14–17 Uhr (MESZ)

In der Debatte im Vorfeld der documenta fifteen wurden auch pauschale Vorurteile gegenüber muslimischen bzw. palästinensischen Künstler*innen geäußert. Dieses Gespräch beleuchtet das Phänomen des anti-muslimischen und anti-palästinensischen Rassismus. Es wird gefragt, wie sich diese Diskriminierungsformen durch Strukturen, Bilder und Narrative manifestieren, wie sie thematisiert werden und wie ein Entgegenwirken möglich ist.

  • Sprecherinnen: Sultan Doughan und Mezna Qato
  • Panel: Sarah El Bulbeisi, ​​Nicolas Siepen und Cihan Sinanoğlu
  • Host: Schirin Amir-Moazami
  • Sprache: In englischer Sprache mit Simultanübersetzung ins Deutsche und International Sign

Änderungen vorbehalten.

Teilnehmende

Schirin Amir-Moazami
Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Ab 2009 Principal Investigator an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, seit 2015 Professur am Institut für Islamwissenschaft, Profilbereich Islam und Europa an der Freien Universität Berlin. Zu ihren Forschungsthemen zählen Religionspolitiken und islamische Bewegungen in Europa, politische Theorie und Gender Studies. Zahlreiche Publikationen zu politisierter Religion, Feminismus und Islamforschung in Europa.

Omri Boehm
Philosoph und Autor. Als Associate Professor für Philosophie an der New School for Social Research New York beschäftigt er sich mit Ethik und Philosophiegeschichte. Weitere Themenfelder sind Politik und Kultur in Israel. Er hat zu Spinoza, Kant und zur Zukunft Israels publiziert und schreibt für die New York Times, Washington Post, DIE ZEIT und Haaretz.

Marina Chernivsky
Psychologin, Verhaltenswissenschaftlerin und Bildungsvermittlerin. Sie leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in Berlin und ist Gründerin sowie Geschäftsführerin von OFEK e.V., einer Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Bis 2017 Mitglied im zweiten Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages, 2019 wurde sie in das Beratungsgremium des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus berufen. Sie forscht zu den Themengebieten Antisemitismus und Diskriminierung.

Manuela Consonni
Historikerin und seit 2015 Associate Professor an der Hebrew University in Jerusalem. Sie ist Direktorin des Vidal Sassoon Research Center for the Study of Antisemitism, außerdem Pela and Adam Starkopf Chair in Holocaust Studies. Ihre Forschungs- und Publikationsschwerpunkte liegen auf der Shoah in Italien und Westeuropa, auf Antisemitismus und Rassismus sowie auf den Wurzeln des Antisemitismus in der extremen Rechten Italiens.

Nikita Dhawan 
Politikwissenschaftlerin und Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Dresden, davor Stationen an den Universitäten Oldenburg, Frankfurt am Main, Innsbruck und Gießen, zwischen 2009 und 2016 übernahm sie die Leitung des Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies an der dortigen Universität. 2023 tritt sie die Gerda Henkel Gastprofessur an der Stanford University an. Dhawan berät die Zeitschrift Femina Politica, publiziert zu postkolonialer Theorie, zu Women’s und Gender Studies und Menschenrechtsfragen.

Diedrich Diederichsen
Kulturwissenschaftler, Autor, Journalist und Kurator. Nach Stationen u.a. an der Städelschule, der Hochschule für Design in Offenbach, der Akademie der Bildenden Künste München, der Bauhaus-Universität in Weimar und der Merz Akademie in Stuttgart bekleidet er seit 2006 die Professur für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seine Forschungen und Publikationen kreisen um Netz- und Popkulturen, Kulturindustrien, Entertainment-Architektur und die Gegenwartskünste.

Sultan Doughan 
Anthropologin. Gegenwärtig Dr. Thomas Zand-Gastprofessur für Holocaust Pedagogy and Antisemitism Studies am Strassler Center für Holocaust- und Genozidstudien an der Clark University, bis 2021 am Elie Wiesel Center for Jewish Studies an der Boston University. Im Zentrum ihrer Forschungen stehen die politische Bildungsarbeit zur Shoah, Antisemitismus, Rassismus und Rassifizierung sowie Migrationsprobleme. Publikationsprojekte zur Erinnerungskultur und Staatsbürgerschaft.

Sarah El Bulbeisi
Historikerin. Derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Orient-Institut Beirut. Davor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Nah- und Mitteloststudien der LMU München und Projektkoordinatorin des DAAD-Hochschuldialogs „Gewalt, Flucht und Exil: Trauma in der arabischen Welt und in Deutschland“ zwischen palästinensischen und libanesischen Universitäten und der LMU München. Publikation zur Tabuisierung von Gewalterfahrungen bei Palästinenser*innen in Deutschland und der Schweiz.

Anselm Franke 
Kunstkritiker, Autor und Kurator. Seit 2013 verantwortet er den Bereich Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt in Berlin, davor Ausstellungsleiter der KW Institute for Contemporary Art (ehemals Kunst-Werke Berlin) und Mitbegründer des Forum Expanded der Internationalen Filmfestspiele Berlin. 2006 bis 2010 Direktor der Extra City Kunsthal in Antwerpen, Co-Kurator der Manifesta 7 in Trentino-Alto Adige, Co-Kurator der 1. Brussels Biennial, 2012 Kurator der Taipei Biennial und 2014 der Shanghai Biennale. Veröffentlichungen zu Territorialitätsdiskursen und Ethnologie-Rezeptionen der Avantgarde.

Raphael Gross
Historiker und Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin, zuvor Direktor des Leo Baeck Institute London, des Jüdischen Museums und des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main (2007–2015). Zeitgleich hatte er eine Honorarprofessur am Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt inne. 2015 übernahm er den Lehrstuhl für jüdische Kultur an der Universität Leipzig und leitete das dortige Simon-Dubnow-Institut. Seine kuratorischen, wissenschaftlichen und publizistischen Schwerpunkte liegen auf der deutsch-jüdischen Geschichte und der Shoah.

Teresa Koloma Beck
Soziologin. Koloma Beck forscht zu Alltag und Globalisierung in Krisenkontexten. Ihr besonderes Interesse gilt der Präsenz kolonialer und imperialer Vergangenheit in den Konflikten der Gegenwart. Derzeit ist sie Professorin für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Zuvor war sie in verschiedenen internationalen und interdisziplinären Forschungs- und Lehrkontexten tätig, unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Erfurt und dem deutsch-französischen Centre Marc Bloch in Berlin. Ethnographische Forschungen zum Alltag des (Nach-)Kriegs und der Globalisierung führten sie nach Angola, Mosambik und Afghanistan.

Meron Mendel
Pädagoge und Journalist. Mendel ist Professor für transnationale Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Seit 2010 leitet er die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Er studierte Geschichte und Erziehungswissenschaften in Haifa/München und promovierte 2010 an der Goethe Universität. Mendel ist Kolumnist bei der FAZ und publiziert u.a. in DIE ZEIT, Der Spiegel und taz. Er ist Mitherausgeber von „Trigger Warnung: Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“ (2019).

Ben Miller
Historiker, Autor und Kurator. Als Doktorand an der Graduate School of Global Intellectual History der Freien Universität Berlin beschäftigt er sich mit Primitivismus und der Gay Liberation im deutsch- und englischsprachigen Raum. Er ist Mitglied des Vorstands des Schwulen Museums, kuratiert Ausstellungen zur Geschichte des LGBTQI*, zur queeren archivarischen Praxis und veröffentlicht zur Kultur- und Geistesgeschichte und zu Musik.

Nicolas Siepen
Künstler, Filmemacher und Theoretiker. Er ist Mitbegründer der selbstorganisierten, kollektiven Projekte b_books, Performing Arts Forum und der „Nouvelle Vague Soap”
Le Ping Pong d’Amour. Von 2009 bis 2016 war er Professor an der Artic Academy of Contemporary Arts in Tromsø, Norwegen. Gegenwärtig Zusammenarbeit mit der Vierten Welt am Kottbusser Tor in Berlin. Veröffentlichungen zu Poststrukturalismus, Marxismus und Film, Kunstkritiken in Springerin, Texte zur Kunst, FAZ und Starship.

Cihan Sinanoğlu 
Sozialwissenschaftler. Leiter der Geschäftsstelle des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors am DeZIM-Institut. Zuvor tätig als Presse- und Öffentlichkeitsreferent bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. und als Geschäftsführer im Begleitausschuss der Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen. Forschungen zu multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften und Veröffentlichung der „Anti-Rassismus Agenda 2025“ mit Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus.

Hito Steyerl                                                                                                                    
Künstlerin und Professorin für Experimentalfilm und Video sowie Mitbegründerin des Research Center for Proxy Politics an der Universität der Künste Berlin. Steyerls besonderes Forschungsinteresse gilt den Medien, der Technologie und der Verbreitung von Bildern. In Ihren Texten, Performances und essayistischen Dokumentarfilmen setzt sich Steyerl zudem mit postkolonialer Kritik und feministischer Repräsentationslogik auseinander. Sie arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst und Film sowie von Theorie und Praxis.

Natan Sznaider
Lehrstuhlinhaber für Soziologie am Academic College of Tel Aviv-Yaffo, nach Gastprofessuren an der Columbia University in New York und der LMU München. Er beschäftigt sich mit Kultursoziologie, politischer Theorie und Erinnerungskultur im Kontext der Shoah und ist Mitglied einer internationalen Forschungsgruppe zum kulturellen Gedächtnis in Europa, Israel und Lateinamerika. Veröffentlichungen auf den Feldern des neuen Antisemitismus, Gedächtniskultur in der globalisierten Welt und zum Verhältnis von Holocaust und Kolonialismus.

Hannah Tzuberi 
Judaistik- und Islamwissenschaftlerin. Derzeit ist sie Postdoktorandin in einem Verbundforschungsprojekt „Beyond Social Cohesion. Global Repertoires of Living Together (RePLITO)“ an der FU Berlin unter der Leitung von Prof. Schirin Amir-Moazami. Sie ist Mitherausgeberin von „Jewish Friends: Contemporary Figures of the Jew“ (Jewish Studies Quarterly 27:2–3, 2020) und arbeitet an einem Buchprojekt mit dem Titel „Reviving Judaism, Reviving the Nation: Post-Holocaust Imaginaries of the (German) National-State“. Ihre Forschungsinteressen umfassen zeitgenössisches europäisches Judentum, Nationenbildung, kollektives Gedächtnis, Religion und Säkularismus.

Mezna Quato
Historikerin am Margaret Anstee Centre for Global Studies, Newnham College Cambridge, davor Fellowships an der National Academy of Education und am King’s College in Cambridge, außerdem Mitarbeit am Archives of Disappeared Research Network. Ihre Forschungs- und Lehrgebiete umfassen die Geschichte und Theorie sozialer und ökonomischer Transformationen in Gemeinschaften Geflüchteter und Staatenloser. Buchprojekt zur Bildungsgeschichte der Palästinenser*innen in Vorbereitung.

Eyal Weizman
Architekt und Autor. Direktor von Forensic Architecture und Professor für Räumliche und Visuelle Kulturen an der Goldsmiths, University of London. Stationen u.a. an der Princeton University, der ETH Zürich und der Akademie der bildenden Künste in Wien. Er ist Mitglied des Technology Advisory Board des Internationalen Strafgerichtshofs und des Centre for Investigative Journalism sowie Fellow auf Lebenszeit der British Academy. Mitbegründer des Architekturkollektivs DAAR in Beit Sahour/Palästina. Weizman arbeitet zu Fragen von Architektur und Politik in Israel und Palästina.