Peter-Matthias Gaede über die documenta 14

Peter-Matthias Gaede (* 27. April 1951 in Selters) ist ein deutscher Journalist. Er war von 1994 bis 2014 Chefredakteur des Reportagemagazins GEO von Gruner + Jahr. (Wikipedia)

Bild: Peter-Matthias Gaede, links im Bild während der Museumsnacht 2016 in Kassel

Es ist ein Skandal, das 5,4-Millionen-Defizit der documenta 14 betrüblich zu finden und es künftig vermeiden zu wollen. Es ist ein Angriff auf die Freiheit der Kunst, die Dezentralisierung der documenta, wie sie 2017 mit dem Zweitstandort Athen praktiziert worden ist, für die Zukunft und auch retrospektiv kritisch zu überdenken; vor allem konzeptionell infragezustellen. Es ist eine ausgesprochene Anmaßung der Stadt Kassel, aus der Tatsache, dass sie die documenta seit 1955 wesentlich co-finanziert, die Hoffnung abzuleiten, die documenta könne ihr erhalten bleiben. Es muss sowieso mehr Geld her für die documenta – und dann sollte sie endlich das Recht haben, aus der „Provinz“ verschwinden zu können.

Das ist in Kurzfassung der Tenor jenes offenen Briefes, mit dem sich 130 Kunstschaffende aus Museen, Kunsthochschulen, Kunstvereinen, Theatern kürzlich an die Aufsichtsratsmitglieder der documenta gewandt haben. Der hohe Ton dieser Wortmeldung der „Besorgten“: Er ist ähnlich wie jener, den Anfang Dezember 2017 auch schon 74 Kuratoren und Künstler der documenta 14 in einem ebenfalls offenen Brief anschlugen, in dem sie den Vertretern von Stadt Kassel und Land Hessen vorwarfen,  die documenta einem platten „Deutschland zuerst“ unterwerfen zu wollen, eine „politische Kontrollübernahme in die Wege zu leiten“ und die Kunst dem Profitdenken zu opfern.

Anlass in beiden Fällen: Die schon beschlossene Trennung von documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, die noch nicht gänzlich abgeschlossene Aufarbeitung des Defizits von 2017, dazu die offenbar angestellten Überlegungen im Aufsichtsrat zu organisatorischen Veränderungen in der auch künftig gemeinnützigen documenta GmbH; und vermutlich auch Überlegungen,  Kassel wenigstens als Hauptstandort auch kommender documenta-Ausstellungen zu fixieren.

Unglücklich dabei: das anhaltende Schweigen der Aufsichtsräte. So haben jene die Lufthoheit, die manchmal so tun, als könne allein an ihrem Wesen die (Kunst-)Welt genesen. Und die dabei auf Pawlow’sche Reflexe vertrauen können, sobald das Wort Provinz ins Spiel kommt. Kassel: wie schrecklich! Mögen auch 2017 wieder bald 900 000 Menschen aus aller Welt zur documenta in diese Stadt gekommen sein, ohne sich hier die Pest zu holen, ohne sich in Ekel schon am Bahnhof umgedreht zu haben oder künstlerisches Ödland zu wittern: Einer Creme der konsequenzfrei Erleuchteten behagt das offenbar nicht.

Und hinter diesem Nichtgefallen stehen gleich mehrere Behauptungen, deren Überprüfung sie sich nicht wirklich unterziehen.

Die erste: Die Welt sei derart komplex geworden, dass man ein Kunstereignis wie die documenta nicht mehr an einem – inzwischen leider nicht mehr so erotisch kaputten, sondern zu friedlichen, zu satten  –  Ort wie Kassel veranstalten könne.  Und diese These geriert sich als eine fortschrittliche, während sie in Wahrheit genau das ist, was sie vorgibt zu bekämpfen: Sie ist eurozentristisch. Denn die Welt war immer komplex, sie war es schon 1955 während der ersten documenta. Und nur weil einige der Weltprobleme, etwa das Flüchtlingsdrama, nun auch uns näher auf die Pelle rücken, wäre das allein ja gerade kein Grund, sich diesen Problemen auch und sogar in Nordhessen, in der Mitte Deutschlands, nicht zu stellen.

Die zweite Unterstellung: Die Standortfrage sei identisch mit politischer Zensur.  Als seien die documenta-Ausstellungen eins bis 13 einer inhaltlichen Bevormundung unterworfen gewesen, nur weil sie, von kleinen Satelliten abgesehen, an einem Ort stattgefunden haben. Zu schweigen von der Frage, ob bei einer documenta eigentlich Städte ausgestellt werden. Oder nicht doch eher künstlerische Positionen. Der Frage also, ob das soziale Biotop, die Soziodemographie eines Ortes wichtiger ist, als es die künstlerischen Exponate selber sind.

Die dritte These:  Athen habe der documenta einen Perspektivwechsel gebracht, Athen sei eine Lehranstalt („Von Athen lernen“) gewesen. Aber war es das? Zunächst: Nicht 330 000 Besucher, wie auch Journalisten unbedacht kolportieren, hatte Athen, sondern vermutlich etwa lediglich 80 000 Besucher, die den verschiedenen „venues“ 330 000 Besuche abgestattet haben. Nur die Besuche hat die documenta zählen können, und vier davon wird wohl jeder Athen-Besucher absolviert haben. Waren 80 000 Menschen die ganz neue Dimension in der Rezeption der documenta, von denen vermutlich nur eine Minderheit auch in der Lage gewesen ist, einen Abgleich mit der Ausstellung im „neoliberalen“ Norden zu absolvieren? War Athen die Antithese zum Eurozentrismus, wie die Künstler und Kuratoren in ihrem offenen Brief schreiben – ganz so, als läge nicht auch Athen in Europa? Und hat Annie Sprinkle in Athen etwas anderes bewirkt als in Kassel? Hat das Marmorzelt der Rebecca Belmore in Athen die documenta ganz anders aufgeladen als dasselbe Zelt nach seinem Transport nach Kassel? Hat Miriam Cahn in einem Athener Museum anders funktioniert als zwischen Kasseler Museumswänden?

Oder war Athen am Ende vielleicht doch nur jener „Krisentourismus“, dieses Sich-Erwärmen am Drama, das nicht zuletzt manche griechische Künstler, aber auch ein Griechenlandkämpfer wie Yanis Varoufakis monierten? War’s wirklich mehr als die Geste eines sich wohl auch als Anti-Schäuble verstehenden künstlerischen Leiters, der Athen zum Synonym des barmenden Südens erklärte, um mit einem Geschenk über die Stadt zu kommen, während nicht wenige Griechen durchaus darauf bestanden, nicht pauschalisiert zu werden?

Eine Antwort, was das geneigte Publikum oder gar die Welt denn nun aus der Verdoppelung der documenta gelernt haben sollen, geben weder die Autoren des ersten noch des zweiten offenen Briefes. Ihnen reicht es offenbar, sich von irgendwie unappetitlichen Lokalpolitikern umstellt zu sehen. Und dabei nehmen sie es mit den Fakten nicht zu genau.

Beispiel eins: Im Brief der Künstler heißt es, die mediale Kritik an der documenta 14 beziehe sich, schuldhaft von der Lokalpolitik gefördert, fast ausschließlich auf das entstandene Defizit.  Es stimmt nur nicht. Denn Großteile der medialen Kritik an der documenta 14 haben den künstlerischen Ergebnissen einer links-esoterischen, moralinsauren kuratorischen Erziehungseinheit gegolten. Und zugleich der einigermaßen pompösen Attitüde, erst eine documenta in Athen könne den in Wahrheit längst auf vielen Ebenen laufenden Diskurs über Europa und die gegenwärtige Verfassung der Welt in Gang bringen. Tatsächlich gibt es diesen Diskurs in der Politik, in der Soziologe, in der Literatur, in der Geschichtswissenschaft, in den Gesellschaften seit langem.

Die Profitabilität einer Ausstellung von Gegenwartskunst war und ist entgegen der Behauptung auch der 130 Unterzeichner des neuen offenen Briefes nicht das einzige Thema in der Lokal- und Landespolitik, von einigen Wutbürgern abgesehen. Und schon gar nicht ist Hoffnung einer mit 400 Millionen Euro verschuldeten Stadt wie Kassel, nicht noch einmal nachschießen zu müssen, mit Profitgier identisch. Noch ist es kleingeistig, in einer Kommune, in der es auch andere soziale Aufgaben gibt, ein größeres Bedürfnis nach ausgeglichenen Etats zu haben, als es flüchtigen Thesen-Künstlern und Kuratoren oder Intendanten zu eigen ist, die sich kommod von Berlin oder Stuttgart oder Hamburg aus echauffieren.

Selbst von einer documenta zu erwarten, dass sie mit Zuwendungen und Einnahmen von etwa 35 Millionen Euro auskommen sollte, ist also weder Beweis für den Willen einer politischen Übernahme noch für die Absicht einer inhaltlichen Dressur. Es ist nur: Vernunft. Und auch wenn es die Verfasser der offenen Briefe insinuieren: Niemand hat bisher gesagt, dass Kuratoren und Künstler einer documenta inhaltlich nach dem Prinzip „Wes Brot ich ess, des Lied ich sind“ zu funktionieren hätten. Sehr wohl aber könnten auch Kuratoren und Künstler ein Mindestmaß an Demut beweisen, bevor sie die finanziellen Ermöglicher ihrer Versammlung, wie geschehen, zu Ausbeutern oder Drangsalierern des freien Schaffens erklären.

Nebenbei ist die Kritik, die documenta solle unter „politischen Nutzen“ gezwungen werden, auch aus einem anderen Grund merkwürdig.  War doch gerade umgekehrt die documenta 14 von künstlerischem Leiter und Kuratoren dezidiert unter den Nutzen einer politischen Botschaft gezwungen worden. Insofern dürfte nun kein documenta-Starverteidiger empfindlich sein, wenn die politische Debatte, die von der künstlerischen Leitung der documenta 14 entfacht worden ist, in einigen Echokammern eben auch eine politische Debatte geworden ist. Eine, in der die Künstler selbst nicht unter Quarantäne stehen.

Und die Standortfrage? Wer sie auf ein Pro und Contra zum Besitzstandsdenken reduziert, umgeht einen Gedanken, der doch naheliegen sollte: Wäre es nicht sinnvoll, und zwar gerade in dieser Zeit, die in alle Welt verstreuten Biographien, Erfahrungen, Positionen von Künstlern einmal alle fünf Jahre an einem Ort zu versammeln und zur gemeinsamen Debatte zu stellen – statt sie neuerlich zu atomisieren?  Das müsste ja nicht Einhegung sein, das wäre nur Konzentration.

Komisch schließlich, wie speziell die Unterzeichner des offenen Briefes der Kuratoren und Künstler ihre Freiheit definieren. Wenn Sie ernst genommen werden wollen, sollte ihr Freiheitsbegriff nicht aus einem Paralleluniversum kommen. In einem real existierenden Raum sollten sie nicht überrascht von Grenzen sein. Und nicht beleidigt. Auch nicht von Widerspruch. Auch eine „öffentliche Kulturinstitution“ ist schließlich nicht ihr Privatbesitz, sondern deshalb öffentlich, weil sie von einer Öffentlichkeit bezahlt wird. Blasiertheit hilft hier nicht.

Und das gilt auch für die Kulturschaffenden des jüngsten offenen Briefes. Wer den documenta-Standort Kassel so agitatorisch mit „Kommerzialisierung“ gleichsetzt, nachdem die Stadt eine Bürgschaft für die documenta übernommen hat, der beweist nur seine Absicht zu einer Verunglimpfung von oben herab. Zumal wenn er die Wahrheit biegt: im Großen wie im Kleinen. Der Aufsichtsrat selbst, so heißt es im Brief der Kunstschaffenden, habe das Defizit der documenta „lanciert“. Darin stimmt allein, dass der Aufsichtsrat dem Konzept Athen nicht widersprochen hat. Wohl aber hätte er erwarten können, dass dann die Doppelausstellung in Kassel und Athen an beiden Standorten abgespeckt würde; ein Defizit war jedenfalls nicht a priori abgesegnet. Und nicht sehr früh, wie die Autoren des Briefes behaupten, wurde es kommuniziert, sondern zunächst wurden die sich abzeichnenden Probleme unter anderem mit dem Verweis camoufliert, man könne Athen überhaupt nicht gesondert rechnen, sodann mit einer stikum vorgenommenen Erhöhung der zunächst tiefer angesetzten Besucherzahl verdrängt.

Selbst mit dem im Duktus nazi-nahen Ausspruch eines AfD-Stadtverordneten gegenüber einem der documenta-Kunstwerke ziehen nun die Unterzeichner des offenen Briefes gegen den sozialdemokratischen Oberbürgermeister der Stadt Kassel ins Gefecht,  nehmen eine nicht zu verhindernde AfD-Idiotie als Beleg für die vermeintliche Absicht des OB, die documenta auf die Linie der Populisten zu bringen. Unterschrieben von Menschen, denen doch eigentlich ein höheres Differenzierungsvermögen zugetraut werden sollte. Unterschrieben etwa von einem Chris Dercon, der selber wissen sollte, welches Zerstörungspotential eine bestimmte Art vorgefasster Kritik haben kann. Oder unterschrieben von einem Kasper König, der vermutlich maßvoll amüsiert wäre, sähe er die Seinen mit dem Verlangen konfrontiert, die Münsteraner Skulpturen, weil die Welt mittlerweile so komplex geworden ist, künftig doch bitte bis Lissabon oder Marrakesch zu verstreuen.

Höhepunkt in der Argumentation der Kassel-Kritiker, deren Nonsense sie allerdings selber gar nicht zu bemerken scheinen: Sie halten durch die sich abzeichnenden Bemühungen Kassels, ein Kernstück der documenta bei sich zu behalten, gleich noch die Zukunft des documenta-Archivs und offenbar auch die Planung des documenta-Instituts für gefährdet, obwohl das Institut erstens ebenso wie die in Kassel angesiedelte documenta-Professur an der Kunsthochschule im erklärten Interesse der Stadt Kassel ist. Und zweitens eben genau das dafür sprechen würde, auch die documenta in Kassel zu belassen.

Zwei polemische Folgerungen könnte man aus den besprochenen Briefen ziehen. Wenn über den Abspielplatz einer documenta künftig nicht mehr an jenen Orten mitentschieden werden soll, von denen bisher die öffentlichen Mittel kommen, also in Kassel und Hessen, wenn also die documenta eine Art Wanderpreis für alle Welt sein soll, dann sollte sich vielleicht besser das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung darum kümmern. Und wenn nicht, die documenta gleichwohl besser in Braga oder Nouakchott aufgehoben erschiene, dann sollten sich die Unterzeichner der Briefe nach Finanzhilfe umsehen und für die Logistik sorgen. Möchten sie?

© Peter-Matthias Gaede