Gila Kolb – Bedeutungen verschieben.

Gila Kolb ist Kunstpädagogin und Kunstvermittlerin und Dozentin für Fachdidaktik im Studiengang MA Art Education an der HKB und PHBern und leitet das Forschungsprojekt «The Art Educator’s Walk- Strategien und Haltungen von Kunstvermittler*innen auf der documenta 14 im Forschungsschwerpunkt Intermedialität der HKB Bern.

Sie ist Mitglied des Vorstandes des documenta forums, Mitherausgeberin des Readers «What’s Next? Art Education» (Kopaed Verlag, 2015) und Herausgeberin des dreisprachigen Interview-Blogs «The Art Educator’s Talk». Aktuelle Kunstvermittlung betreibt sie mit der Agentur «agency art education» und der Gruppe «Methode Mandy». Forschungsschwerpunkte: Zeichnen können im Kunstunterricht (Promotionsprojekt), Strategien und Agency von Kunstvermittler*innen der documenta14 (Forschungsprojekt) und Kunstvermittlung nach dem Internet. (Foto: Olga Holzschuh)

„Welche Lektüre, Postion, Autorin oder Theorie, welcher Moment oder welche Situation, welches Erlebnis hat ihnen die gesellschaftliche Relevanz von Kunst vorgeführt?“ – eine Antwort auf diese Frage der HKB- Zeitung 2/2018. Erstveröffentlichung: HKB Zeitung 2/2018, S. 16-17 im Mai 2018, abrufbar hier.

Im letzten Sommer fand die documenta 14, eine der wichtigsten Grossausstellungen zeitgenössischer Kunst, in Kassel statt. Mit drei Beispielen aus deren Kontext möchte ich auf die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst antworten:

1) An einem der Hauptausstellungsorte der documenta 14 befand sich ein Raum, der von der Gruppe The Society of Friends of Halit gestaltet wurde. Auf den ersten Blick war jedoch nicht zu erkennen, dass der Raum nicht von den Kuratorinnen und Kuratoren der documenta 14 konzipiert war, sondern zum Begleitprogramm, dem Parlament der Körper gehörte. Thema des Beitrags war der bis heute nicht aufgeklärte Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006 in einem Internetcafé in Kassel, der der rechten Terrorgruppe NSU zugeordnet wird. Zu sehen waren: eine Fotografie, ein Video von der Demonstration Kein 10. Opfer (2006), mehrere Videos von Personen, die aus verschiedenen Perspektiven über strukturellen Rassismus in Deutschland und Folgen rechten Terrors sprachen, sowie eine Videorekonstruktion des Tathergangs (77sqm_9:26min) der Gruppe Forensic Architecture. Die gesamte Arbeit löste erhebliche inhaltliche und formale Debatten auf verschiedenen Ebenen aus. Einige der zentralen Fragen der Kunstkritikerinnen und -kritiker waren, ob diese Arbeit Kunst oder vielmehr politischer Aktivismus sei und wie man darüber sprechen könne, wenn sie doch eindeutig nicht zur Ausstellung gehört, da sie weder im Katalog noch in der Künstlerliste aufgeführt wurde. Es gab zudem realpolitische Auswirkungen: Im NSU-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags und im Gerichtsprozess gegen eine Verdächtige wurde darüber verhandelt, ob das «künstlerische» Video 77sqm_9:26min als Beweismittel verwendet werden kann. In beiden Fällen wurde dies nicht zugelassen, entfachte aber dennoch – oder gerade deshalb – eine gesellschaftliche Diskussion in ungewohnter medialer Breite. Die Frage, ob eine Gruppierung politischer Aktivistinnen und Aktivisten eine Kunstausstellung für ihre Inhalte nutzte oder umgekehrt, ob die Kunstausstellung vom politischen Aktivismus profitiert, bleibt hierbei offen.

2) Ein anderes Beispiel der documenta 14 ist Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument von Olu Oguibe, das in Form eines Obelisken auf einem zentralen Platz in der Kasseler Fussgängerzone aufgestellt wurde. Eine goldene Inschrift in vier Sprachen verkündet: «I was a stranger and you took me in.» Auch nach Ende der documenta 14 steht es noch dort und entfacht bis heute heftige Diskussionen, zum Beispiel darüber, ob es die Stadt Kassel zusätzlich zu den von der Ankaufskommission bereits bewilligten Arbeiten ankaufen soll. Ein Stadtabgeordneter der rechtsnationalen Partei AfD hat den Obelisken als «ideologisch-polarisierende-entstellende Kunst» bezeichnet und damit erstaunlicherweise keine grössere lokale Diskussion ausgelöst, obgleich die Nähe zu dem zwischen 1933 und 1945 verwendeten Begriff der «entarteten Kunst» unschwer zu überlesen ist. Auf einer Podiumsdiskussion am 13. April 2018 zum Thema kommentiert die Kasseler Pädagogin und Aktivistin Ay?e Güleç: «Solange PolitikerInnen ‹entstellte Kunst› sagen, brauchen wir den Obelisken.»

3) Doch nicht nur die Ausstellung, auch die Kunstvermittlung auf der documenta 14 hat ihre gesellschaftspolitische Relevanz vorgeführt und das obwohl sie auch in der Öffentlichkeit durchaus umstritten war. Seit Sommer 2017 beschäftige ich mich im Rahmen des Forschungsprojekts The Art Educator’s Walk. Handeln und Haltung von KunstvermittlerInnen zeitgenössischer Kunst am Beispiel der Grossausstellung documenta 14 in Kassel gemeinsam mit Carina Herring, Mara Ryser und Maren Polte damit, wie Kunstvermittlung auf der documenta 14 stattgefunden hat und umgesetzt wurde. Wir haben uns gefragt, welche kunstvermittlerische Haltung zwischen Dienstleistung und kritischer Praxis die so genannten „Chorist*innen“ entwickeln und begründen würden. In den mit den Kunstvermittler*innen und -vermittlern geführten Interviews stellten wir differenzierte Wahrnehmungen der eigenen Rolle und des Handelns fest. Unsere teilnehmenden Beobachtungen zeigten zudem unterschiedliche Handlungsweisen und Haltungen im Umgang mit den Erwartungen der Besucher*innen und Besucher auf. Deren Erwartungen bestanden häufig darin, während eines sogenannten «Spaziergangs» an die Ausstellung herangeführt zu werden, um die Kunstwerke besser zu verstehen. Diesem Wunsch konnte schon aufgrund der Konzeption der Ausstellung kaum entsprochen werden, da sie sich weniger als ein abgeschlossenes Referenzsystem denn als ein komplexes Gefüge unterschiedlicher Experimente verstand (vgl. Szymczyk 2017, S. 22). Eine kunstvermittlerische Praxis musste sich also positionieren zwischen einerseits der Erwartung der Besucherinnen und Besucher eine Ausstellung erklärt zu bekommen, und der vom künstlerischen Leiter festgelegten Absicht andererseits, ein komplexes Gefüge des Voneinander-Lernens, der gemeinsamen Wissensproduktion und einen damit verbundenen Rollenwechsel des Publikums als «wahre BesitzerInnen» (ebd., S. 37) zu zeigen.

Mir ist an der documenta 14 klar geworden: Die beiden künstlerischen Beispiele führen eindrücklich vor Augen, welchen Möglichkeitsraum Kunst eröffnen kann und wie deren Grenzen erneut vermessen und erweitert wurden – und wie politisch aktuelle Kunst sein kann. Hinsichtlich der Kunstvermittlung wurde mir klar, dass ihr Potenzial weitaus grösser ist, als mit Informationen, Erwartungen und institutionellen Gegebenheiten zu jonglieren. Sie kann, wie die Kunst selbst, in die Realität eingreifen, Bedeutungen verschieben und gegebenenfalls dabei auch für herbe Enttäuschungen sorgen. Dies halte ich allerdings für eine Qualität, da es ihr die Möglichkeit bietet, sich immer wieder neu zu definieren. Wenn sich dann, wie auf der documenta 14, der Fokus von «wir, die Vermittlerinnen, die Institution, die Ausstellungsmacherinnen zeigen den Besucherinnen und Besuchern etwas» dahin verschiebt, dass alle etwas (ver-)lernen, dann eröffnet sich ein transformatives Potenzial, das aus meiner Sicht deutlich mehr transformierte, als es womöglich institutionell intendiert war. Mit diesem Ansatz verstehe ich die documenta 14 und ihre Kunstvermittlung im Sinne politischer Bildungsprozesse – zumindest innerhalb der genannten Beispiele – dann nicht nur als repräsentativ, sondern als transformatorisch relevant.


Quinn Latimer und Adam Szymczyk (Hg.): Der documenta 14 Reader. Prestel Verlag München 2017.
Forensic Architecture, 77sqm_9:26min, forensic-architecture.org/case/77sqm_926min/
The Society of Friends of Halit, coordinated by Ay?e Güleç: http://www.documenta14.de/en/public-programs/22411/the-society-of-friends-of-halit


Auf diesem Blog werden in unregelmäßigem Abstand Meinungen und Beiträge rund um das Thema documenta veröffentlicht. Die hier versammelten Texte geben nicht die Meinung des Vorstands des documenta forums wieder. Vielmehr sollen sie zu einer fundierten und vielstimmigen Diskussion beitragen